Belo Horizonte (BRA)

Paulo Nazareth

* 1977 in Governador Valadares, Brasilien

lebt und arbeitet weltweit

Paulo Nazareth studierte Kunst und Linguistik, und wanderte monatelang durch Afrika und die Amerikas. Eindrücke und Dokumente, Videos, Zeichnungen, Fotos dieser Reisen fließen in seine künstlerischen Arbeiten ein. 2011 reiste er zu Fuß und per Bus von Minas Gerais nach Florida zur Kunstmesse Art Basel Miami, wo er mit der interaktiven Installation Banana Market/Art Market – aus einem VW-Bus heraus verkaufte er frische Bananen – eine Kontroverse hervorrief. Hinter den einfachen wie wirkungsvollen Ideen und Bildern seiner künstlerischen Praxis steht das Interesse an Fragen der Ethnizität und Identität. Er tritt als Performer, Mittler und philosophischer Filmer auf. Sein linguistisches Interesse zeigt sich aktuell in der Arbeit zur Sprache Kaiwá als Teil des lateinamerikanischen Pavillons der diesjährigen 56. Biennale di Venezia, die Spurensuchen nach Bildern und Stereotypen auf seinen Reisen wurden als Notícias de América und Notícias de África in zahlreichen Ausstellungen weltweit präsentiert.

 

AGUDAH, 2013, Video, Black/White, Sound, 7:03 Min.

MARIA AUXILIADORA, 2014, Video, Black/White, Sound, 5:03 Min.

PAMPHLETS (°1 –°9), 2015, C-Print, verschiedene Maße

In Brasilien leben bis heute über 200 indigene Gruppen, von denen einige bisher „unkontaktiert“ blieben. Vor der portugiesischen Kolonialzeit waren es über 1.000 Völker, viele fielen in den Jahrzehnten nach der Kolonialisierung um 1500 eingeschleppten Epidemien und Sklavenarbeit zum Opfer. Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die ersten afrikanischen Sklaven (insgesamt 3 Millionen) aus den Kolonien eingeschifft, um den Bedarf an menschlicher Arbeitskraft insbesondere für den Bergbau und den Zuckerrohranbau abzudecken. 1888 schaffte Brasilien als letztes Land der Welt die Sklaverei ab; mit über 70 Millionen Afro-Brasilianer/innen zählt es zu den Ländern mit dem größten afrikanischen Descent. Die vormals eingeführten Klassenverhältnisse setzen sich bis heute in Wirtschaft, Politik und Kultur fort. Der Künstler Paulo Nazareth geht in seinen Arbeiten den historischen und aktuellen Subjektivierungen als Afro-Brasilianer nach. In den Videos Augudah und Maria Auxiliadora werden Symbole des Katholizismus nachverfolgt. Im Spiegel der vorbeiziehenden Landschaft entblößt sich ihre allgegenwärtige „Andersartigkeit“ in einem missionierten Land. In seinen Pamphlets untersucht Nazareth historische und aktuelle Formen schwarzer Subjektivierung und deren Bildlichkeit. Auf einem Fußmarsch durch die Amerikas und durch Afrika ging er der territorialen Besetzung der Kontinente durch die Europäer nach und erkundete die Spuren seiner Vorfahren. Entstanden sind Fotoserien, ein Webblog und diePamphlets, mit denen er ironisch seine Identität in unterschiedlichen gesellschaftlichen Zusammenhängen in Frage stellt.