Mexico Stadt (MEX

Jorge Satorre

* 1979 Mexiko-Stadt, Mexiko; lebt in Mexico-Stadt und Barcelona, Spanien.

Lange als Illustrator tätig, nutzt Jorge Satorre heute Zeichnungen in seiner künstlerischen Auseinandersetzung mit historischen Artefakten. Er erfindet neue Geschichten um sie, verwebt Fiktion mit Fakten, Objekte mit Bild und Text. Ausgehend von historischen Situationen werden Legenden und Überlieferungen ergänzt um persönliche Erlebnisse und Erzählungen. Satorre arbeitet konstant an Perspektiven, die als anormal oder isoliert erscheinen, jedoch mit hegemonialen und generalisierten Erzählungen brechen. Seine Werke wurden zuletzt ausgestellt in: Biennale in Cuena (2014); Montevideo Biennale, Uruguay (2013); Centro Cultural Montehermoso, Vitoria / Spanien (2010); galería Xippas, Paris (2008); Process Room / Irish Museum of Modern Art, Dublin (2007) und La Casa Encendida, Madrid (2006).

 

EMIC ETIC? (GREENSTONE), (in Zusammenarbeit mit Joe Sheehan), 2013

EL RETROCESO 10, 2013/14

Die titelgebenden Worte Emic und Etic, zu deutsch emisch und etisch, beschreiben zwei unterschiedliche Herangehensweisen der Kulturanalyse. Der Missionar und Linguist Kenneth Pike prägte diesen beiden Worte in den 1950er Jahren als hermeneutischen Beitrag zur wissenschaftlichen Anthropologie. Emic analysiert die Recherchen, die sich mit den Perspektiven lokaler Anwohner/innen (Natives) auseinandersetzen. Etic hingegen inkorporiert die Forschungsperspektive, basierend auf lokalem Wissen. Diese beiden Perspektiven verbindet Satorre in seiner Arbeit Emic Etic?, die für eine Ausstellung in Neuseeland entstand. Was würde er als Künstler an Wissen mitbringen und wie würde er dadurch die lokale Kultur (nicht) verstehen?

Ein 2,5kg schwerer Jadestein aus Guatemala, dort ein wichtiges Grundmaterial für Objekte der Mesoamerikanischen Kultur, wurde in zwei Stücke zerbrochen und nach Neuseeland geschickt. Der Künstler Joe Sheehan replizierte die beiden Fragmente mit Jadesteinen aus seiner Familiensammlung detailgenau. Nur die Größe wurde verändert. In Neuseeland handelten vor allem die Pakehas (Bewohner/innen mit europäischem Ursprung) mit Jade. 1997 gab die britische Krone durch den Treaty-of-Waitangi-Akt das zuvor als exklusiv beanspruchte Recht, mit Jade zu handeln, an die Maori (Ureinwohner) zurück. In El retroceso 10 verfolgt Satorre den Umgang mit ethnologischen Objekten in Mexiko. Seit den 1970er Jahren gehören gefundene prä-kolumbianische Objekte dem mexikanischen Staat und folglich dem Anthropologischen Museum in Mexiko-Stadt. Eine kleine Gemeinde der Ortschaft Valle de Chalco Solidaridad hat, in Abstimmung mit der Kommune, ein eigenes Museum gebaut, in dem gefundene Gegenstände einem ganz eigenen Ordnungssystem und Gebrauch zugeordnet werden – und somit dem offiziellen musealen Kategorien nicht nur widersprechen, sondern auch dessen epistemische Vormacht infrage stellen.