Berlin (DE)

Dierk Schmidt

* 1965 in Unna, Deutschland, lebt und arbeitet in Berlin, Deutschland

Schmidt praktiziert eine kontextuelle Auffassung von Malerei, die mit größerem Aufwand an Recherche im historischen und insbesondere im „faktischen Raum“ ansetzt und kommuniziert. Eine jüngere Bilderserie fokussiert die Kongokonferenz 1884/85 in Berlin aus international-rechtlicher Perspektive; eine andere betrifft Provenienz und Produktion von Farbstoffen der kolonialen und früheren chemischen Industrie. Dierk Schmidt ist Mitglied der künstlerisch-akademischen Gruppe Artefakte//anti-humboldt. Zuletzt lehrte er an der Königlich Dänischen Kunstakademie in Kopenhagen. Aktuelle Ausstellungen: Image Leaks and Broken Windows 3.0, (mit Frank Bauer), Le Quartier, Centre d’art contemporain de Quimper, Quimper / Frankreich, 2014; IMAGE LEAKS – Zur Bildpolitik der Ressource, Frankfurter Kunstverein, Frankfurt a.M., 2011; SIEV-X – Zu einem Fall verschärfter Flüchtlingspolitik oder Géricault und die Konstruktion von Geschichte, Städel-Museum, Frankfurt a.M. 2009. Jüngste Ausstellungsteilnahmen: Animism, OCAT, Ilmin Museum of Art, Seoul / Südkorea 2014; documenta 12, Kassel 2007; Trienal du Luanda, Luanda (Angola) 2007.

 

OHNE TITEL (HUMAN REMAINS IN BERLIN), 2014/15

Öl/Glas

BROKEN WINDOWS 3.1 (VIER VITRINEN), 2014/ 2015

bearbeitetes Plexiglas, Farbkopie auf Folie, schwarzes Pigment, Filzstift, variable Maße

Der Berliner Maler Hans Looschen zeigte 1905 das Triptychon Altperuanische Gräberfunde in der Großen Berliner Ausstellung. Das Berliner Tageblatt schrieb damals: „Der Stoff ist sehr herb: Mumien, Schädel, Masken, mit buntem Schmuck, fratzenhaft und grausig“. Einerseits als Vanitas-Abbildung begriffen, dokumentiert die Malerei Looschens andererseits eine Ausstellungspraxis des Königlichen Völkerkundemuseums in Berlin: Das Öffnen  altperuanischer Mumienbündel und das Ausstellen von Mumien steht heute unter dem Begriff Human Remains (menschliche Überreste) in der Kritik. In den zwei Malereien auf Glas von Dierk Schmidt überlagern sich zwei Situationen: 1905 führte das deutsche Kaiserreich einen genozidalen Krieg gegen die Herero und Nama im heutigen Namibia. 2011 fand in der Berliner Charité eine Übergabe von 20 Schädeln aus der damaligen kolonialen Provenienz an Namibia statt. Diese Übergabe war von namibischer Seite auf Staatsebene, von deutscher Seite nur auf Ebene der Charité geführt worden. Der Übergabeakt produzierte somit eine entsprechende Spannung zwischen den Parteien. Auf Wunsch der namibischen Seite waren zwei Schädel in Vitrinen präsentiert, die in dem Übrgabeakt zu Akteuren wurden. Ein Teil des Triptychons von Looschen wird heute in der Alten Nationalgalerie unter der Gattung Stillleben gezeigt. Die Human Remains sind hingegen in verschiedenen Sammlungsdepots der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingelagert und der Öffentlichkeit entzogen. Was heißt Kulturbesitz? Eine Frage, die Dierk Schmidt mit Broken Windows 3.1. (Prototypen) verfolgt. Die sechs Modell-Vitrinen entsprechen dem Maßstab nach den Vitrinen des Neuen Museums in Berlin. In diesen Vitrinen des Neuen Museums soll sich u. a. das Moderneversprechen des Museums einlösen: viele Raum und eine ausgedünnte Rahmung der Museumsobjekte. Schmidt zeigt die Vitrinen leer und mit teils aggressiven Bearbeitungen im Glas: Beschriftungen, Einritzungen oder Öffnungen. Der Blick in die Vitrine wird der durch ein optisches Instrument. Durch die Verletzung der Gläser und ihrer vermeintlichen Transparenz richtet sich der Blick zugleich auf Fragen des Ausstellen von Objekten bei ungeklärten Besitzverhältnissen. Dabei changiert die Optik zwischen den Spuren des künstlerischen Kommentars und der Zeugenschaft des verschwundenen Objektes.