„’Nicht-Restitution ist kein neutraler Akt’, ist ja eigentlich – in unserer Formulierung – der öffentliche Auftrag“

Ein Gespräch zwischen Brigitta Kuster, Regina Sarreiter und Dierk Schmidt 1

Im Jahr 2002 verabschiedete der Deutsche Bundestag einen Vorschlag zur Zerstörung des Berliner Palastes der Republik, einem Kulturhaus der DDR und Sitz der Volkskammer. An seiner Stelle wurde nun das Stadtschloss Berlin errichtet. Dies ist eine Kopie eines Schlosses aus dem 18. Jahrhundert, das für die Fürsten von Brandenburg und preußischen Königen erbaut wurde und später als Residenz der deutschen Kaiser diente. Das Gelände – am Schlossplatz, neben dem Alexanderplatz und der Museumsinsel – wird seit dem 15. Jahrhundert für Schlossanlagen genutzt.
Während des Zweiten Weltkriegs beschädigten alliierte Bomben das Stadtschloss und 1950 wurde es zerstört, weil die kommunistische Partei der DDR es als Symbol des preußischen Imperialismus betrachtete. Bei seiner Eröffnung Ende 2019 wird es Sitz des Humboldt-Forums sein, das zum Nachfolgemuseum der altpreußischen Kunstkammer des 16. Jahrhunderts erklärt wurde. Das Humboldt-Forum – „Ein Schloss für alle“, so die Website – wird die neue Heimat der ethnographischen Sammlungen Berlins sein, die in Vorbereitung ihres Umzugs ins Stadtschloss geschlossen worden sind. Das Humboldt-Forum wird zusammen mit fünf weiteren Museen auf der Museumsinsel Teil des Universalmuseums des 21. Jahrhunderts für „Weltkultur“ sein.
Der Wiederaufbau des Stadtschlosses hat wegen seiner unverkennbaren historizistischen und regressiven Implikationen, einschließlich der Streichung öffentlicher Gegenbilder zur bestehenden Ordnung, also der jüngeren Geschichte der DDR, heftige Kritik hervorgerufen. Basierend auf einer politischen Entscheidung, die feudale Architektur nachzustellen, wird sie zu einer Art untoter und phantasmagorischer Einheit in der Stadt führen, im Gegensatz zu der dichten Sedimentation historischer Ereignisse im sichtbar vernarbten Berliner Stadtraum.
Als Reaktion auf die Pläne zum Wiederaufbau des Stadtschlosses bildete sich 2008 in Berlin die Gruppe Artefakte///anti-humboldt. Sie besteht neben Dierk Schmidt aus Regina Sarreiter und Brigitta Kuster; die Gruppe wurde von Elsa de Seynes und Lotte Arndt mitbegründet. Auf den folgenden Seiten blickt Artefakte auf ihre – inzwischen stillgelegten – Aktivitäten zurück, die sie in Form von Workshops, Ausstellungen, Filmvorträgen, gemeinsamen Reisen und Publikationen realisiert haben.
Im Mittelpunkt der Aktivitäten von Artefakte steht die Untersuchung deutscher ethnographischer Sammlungen und Prozesse der Rückgabe menschlicher Überreste. Sie haben sich insbesondere auf Objekte in Berliner Museen konzentriert, deren Vergangenheit durch gewalttätige oder kriminelle Aneignung, rassistische Wissenschaft und koloniale Herkunft geprägt war, und auf die Art und Weise, wie solchen Machtverhältnissen bis in die Gegenwart ausgebübt werden oder ihnen entgegengearbeitet wird.

Lars Bang Larsen: Warum beschäftigt ihr euch seit 2009, einzeln und gemeinsam, mit Museumspolitik und konkret mit dem Berliner Humboldt Forum?2

Brigitta Kuster: Unmittelbarer Anlass war die Ankündigung des Umzugs des bisherigen Ethnologischen Museums in Berlin-Dahlem ins Zentrum der Stadt – und damit verbunden eine räumlich-politische Veränderung in der Konfiguration der Berliner Museumslandschaft im Zuge der Planungen zum Humboldt Forum. Mit räumlich-politischer Veränderung meine ich, dass sich eine Veränderung des gesellschaftlichen Kontexts auf städtischer, nationaler, aber auch internationaler Ebene ankündigte, in dem die ethnografischen Sammlungen stehen würden.

Regina Sarreiter: Das war der Moment, wo uns klar wurde, dass das Projekt verwirklicht und im Stadtbild sichtbar werden würde. Gleichzeitig wurde der Beschluss gefasst, den Palast der Republik und damit die ehemalige Volkskammer der DDR endgültig abzureissen, dem sog. „selektiver Rückbau“.

Brigitta Kuster: Wir haben unsere Aufmerksamkeit ziemlich rasch auf die Frage des beabsichtigten Universalmuseums gerichtet: auf die Partition, Interpretation und Zuweisung unterschiedlicher kultureller Objekte, Artefakte, Zeugnisse zu unterschiedlichen Disziplinen und musealen Konfigurationen, die unter dem Schirm einer großen kulturgeschichtlichen Erzählung zusammenkommen. Mit der Entscheidung zum Umzug der ethnologischen Sammlungen auf die Museumsinsel und in das neu entstehende Humboldt Forum, mitsamt dem Rückbezug auf das Universalmuseum des 19. Jahrhunderts, zeichnete sich also auch ein ganz neuer musealer diskursiver Kontext ab…

Dierk Schmidt: 2008 gründete sich dann die Gruppe „Alexandertechnik“, die über Monate diskutierte und ihre Tätigkeit mit einer Veranstaltung „Der Anti-Humboldt. Eine Veranstaltung zum selektiven Rückbau des Humboldt Forums“3 abschloss. Diese Gruppe versammelte unterschiedliche Motivationen, sich mit dem Humboldt Forum zu befassen. Da war eine architektonische Perspektive, die der Frage nachging: Wie ist im 21. Jahrhundert ein solcher „Sieger-Gestus“, einen „Palast“ staatlicher Repräsentation abzureißen, überhaupt noch denkbar, und dies zugunsten des Wiederaufbaus einer feudalen preußischen Architektur an der zur „Mitte Deutschlands“ erklärten Stelle? Außerdem gab es die ethnologische Fragestellung, die sich für das Schicksal der Sammlungen und die Tatsache ihrer kolonialen Herkunft interessierte.

Regina Sarreiter: Dazu kam die Rolle der Museumsinsel: Die Erweiterung der Museumsinsel mit dem Schloss bzw. dem Humboldt Forum und die damit verbundene Differenz, die zwischen beiden Teilen eingezogen wurde: hier die europäische Kulturgeschichte, dort der Rest der Welt. Auf der einen Seite die Renovierung der Museumsinsel, die Wiederöffnung der Alten Nationalgalerie 2001, des Neuen Museums 2009 und der derzeitigen Renovierung des Pergamonmuseums. Auf der anderen Seite das Humboldt Forum als Gegengewicht, oder besser als Ergänzung der bisherigen Museen auf der Museumsinsel hin zur Idee des Universalmuseums.

Lars Bang Larsen: Worin bestand dieser Anspruch der Institution, ein Universalmuseum zu sein, basierend auf der von Euch erwähnten geopolitischen Unterscheidung?

Brigitta Kuster: Nein, es war eher, dass mit der Rückkehr der ethnologischen Sammlungen ins Zentrum der Stadt Berlin eine Art Rückprojektion einhergehen würde, die sich in dem Wunsch zeigte, ein im 19. Jahrhundert projektiertes Projekt ex post zu vollenden.

Dierk Schmidt: Als Brücke wurde die „Wunderkammer“4 des barocken Hohenzollern-Schlosses angeführt, die als frühe Form einer ethnologischen Sammlung zum Türöffner des Einzuges der ethnologischen Sammlung ins Schloss gemacht wurde, um im Umkehrschluss den Wiederaufbau des Schlosses zu legitimieren.

Brigitta Kuster: Wunderkammer und/oder Ethnografie – die Fragen nach der Rahmung bleiben ja: Was wird das jetzt, wissenschaftliche Sammlungen, kulturelle Artefakte oder Kunst? Diese Differenzierungen werden nicht zuletzt durch die Zuordnung zu unterschiedlichen Museen getroffen. Im Universalmuseum als ganzem hingegen würde man all diese unterschiedlichen Aspekte und Perspektiven sozusagen im Hort der westlichen Erzählung über die Kulturen der Welt wieder zusammenbringen. Für mich war in der Alexandertechnik damals – nicht zuletzt vor dem Hintergrund meiner bisherigen Beschäftigung mit deutscher Kolonialgeschichte – die Auseinandersetzung mit der Geschichte des kolonialen Sammelns und der Restitution bzw. mit der Zuordnung von Objekten zu nationalen Institutionen oder gar zu einem nationalen Kulturerbe – kurz, mit Museumspolitiken im post/kolonialen Kontext sehr wichtig.

Dierk Schmidt: Diese Thematik war damals auch neu, es war eine ganz andere Situation als 2003/04, als ich für die 3. Berlin Biennale die Bilderserie „Berliner Schlossgeister“ malte.
Damals war es eine Debatte um Architektur und Repräsentation: Welche und wessen Geschichte sollte hier hin? Sie sollte vis-à-vis der Museumsinsel landen, dort wo nach dem Krieg die Kriegsruine des Hohenzollerschlosses durch die DDR abgerissen worden war, und wo 1990 unmittelbar nach der Wiedervereinigung das 1972 gebaute Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR abgerissen wurde. Der Druck war groß, den bereits entkernten Palast der Republik ganz zu entfernen.
Architektonisch sollte die DDR unsichtbar werden. Es gab Kräfte, die hier mit dem Schloss „ihr“ Preußen wiederhaben wollten. Das waren für mich die „Schlossgeister“, die diesen Lobbyismus betrieben haben. Sie sind noch da, und finanzieren die Fassade über Spendenaktionen.

Lars Bang Larsen: Gegründet im Zuge der Alexandertechnik-Initiative zur Diskussion der spezifischen Objekte der ethnographischen Sammlungen, hat sich Ihre Gruppe Artefakte mit der Tatsache auseinandergesetzt, dass in Deutschland noch keine kollektive soziale Beziehung zum Kolonialismus entstanden ist. In einem Eurer Texte stellt Ihr fest, dass die Kolonialzeit kein Ort der Erinnerung ist; sie ist kein „Erinnerungsort“ in der Art von Orten aus der NS-Zeit.5 Im Gegensatz dazu sind die Stätten des Zweiten Weltkriegs gleichwertige Ausprägungen deutscher Geschichtsschreibung, die die nationale Politik der Erinnerung dominieren. Darf ich Euch bitten, in diesem Zusammenhang auf die Frage der deutschen Kolonialgeschichte einzugehen?

Brigitta Kuster: Ja, ich denke diese Auseinandersetzung betrifft uns alle. Wo soll ich anfangen? Wenn man in Berlin lebt und in Berlin Kultur macht, dann sind all diese historischen Schichten immer anwesend, sie überlagern einander, überformen sich gegenseitig palimpsestartig. Daher würde ich auch gegen Erinnerungsorte argumentieren, oder gegen diese letztlich bloß additive, ja akkumulative Form einer nationalen Erinnerungskultur. Interessanter finde ich politische, ästhetische und soziale Auseinandersetzungen um Erinnerungspraktiken. In der erwähnten Lesung hat die Gruppe Alexandertechnik genau so etwas versucht, als sie vom geplanten Entstehungsort des Humboldt Forums aus einen 360°-Schwenk sprachlich und mit Hilfe von Fotos nachvollziehbar machte.6 Von heute aus ließe sich vielleicht sagen, dass unser Schwenk über das Gelände einem intersektionalen Zugang zu diesem Ort in Berlin Mitte folgte. Wenn man an einem solchen Punkt eine Bohrung vornimmt, dann stößt man auf multiple historischen Schichten, die aber nicht voneinander getrennt, sondern ineinander gefaltet und miteinander verknüpft sind. Mir schien es damals vielversprechend, dass wir unterschiedliche Aspekte und Zugänge miteinander zu verschränken suchten – und auf die Frage nach Zukünftigkeit hin bündelten. Bezogen auf die gewaltvolle koloniale Geschichte geht es nicht nur um „Aufarbeitung“ und die Frage nach historischen Schuld(en), sondern um neue Imaginarien.

Regina Sarreiter: Die Frage der Erinnerungsorte ist gerade jetzt, seit ein paar Wochen, besonders aktuell und greifbar geworden. Nach langen Kämpfen von antirassistischen Initiativen, die auch Teil des Bündnisses No Humboldt 21! sind, werden in Berlin-Wedding drei Straßen, die nach kolonialen Figuren benannt sind, nach antikolonialen Kämpfer*innen umbenannt.7

Brigitta Kuster: Es ist viel diskutiert worden, ob es um eine Amnesie, also um Vergessen geht. Es gibt unzweifelhaft eine starke Präsenz der kolonialen Vergangenheit in Straßennamen, in Gebäuden, in Spuren des kolonialen Warenrassismus. Oft ist bloß der Bezug zur Bedeutung und zu Konflikten, die sich damit aufmachen, verloren gegangen. Die Umbenennung der Straßen macht eigentlich einen solchen Konflikt anwesend, und das halte ich für etwas sehr Wichtiges.

Dierk Schmidt: Da war die Kritik von der Françoise Vergès, als wir sie 2009 in Paris trafen: Auf Umbenennungen von Straßen in Paris bezogen, meint sie, sie machten einen Konflikt unsichtbar, der im Alltag weiterhin bestehe.

Brigitta Kuster: Einen Konflikt sichtbar zu machen heißt wohl immer auch, andere mögliche Konflikte unsichtbar zu machen. Gerade im Verhältnis zu Museen, die eine Art von Fixierung leisten, scheint mir dies interessant. Die Weise des Ausstellens ist immer eine Rahmung, die ein bestimmtes Verständnis von Dingen nahelegt, während ein mögliches anderes Verständnis zurücktritt. Museen zeigen die Richtung an, in der Objekte gesehen werden können. Sie regeln etwa, ob und wie man sie anfassen darf oder nicht. In der so einer Situation wie zu Beginn der 2000er könnten neue Öffnungen entstehen, neue Sichtbarkeiten können zur Disposition gestellt werden. Ich denke, darin bestand das politisch und ästhetisch interessante Momentum in den ersten Jahren unserer Arbeit.

Dierk Schmidt: Das denke ich auch. Gegenüber dem Humboldt Forum nahm ich das Momentum als inhaltlich grundsätzlich sichtbarer, internationaler wahr, als dies für mich bei der Debatte um Straßenumbenennungen der Fall war. Nicht nur auf der symbolischen Ebene der Benennung, sondern, materialisiert im Artefakt, in der darin aufgeworfenen Härte der grundsätzlichen Fragestellung von Besitz und Eigentum, generell und im Kontext von Museum und Wissenschaft.
Gegenüber dem Museum war es regelrechte Basisarbeit: Erst als Alexandertechnik, dann unsere Arbeit als Artefakte//anti-humboldt, die Mitbegründung des Bündnisses No Humboldt 21!, zugleich im Umfeld vom Bündnis No Amnesty for Genocide.8 Wo stehen wir jetzt?

Brigitta Kuster: Die aktuelle Situation würde ich fast als eine Umkehrung der damaligen Situation bewerten, die um 2009 aus meiner Sicht – zumindest imaginär – relativ offen war, also auch bezüglich der von uns selbst entwickelten Argumente und Denkweisen. Heute sehe ich das Problem des Humboldt Forums darauf eng geführt, dass es sich um ein „nationales“ Projekt handelt, das strukturell nicht dazu geeignet ist, die Konflikte aufzugreifen, um die es bei der Suche nach einem zeitgenössischen Umgang mit Sammlungen aus der Zeit der kolonialen Okkupationen des späten 19. bzw. frühen 20 Jahrhunderts gehen müsste. Für Museen sehe ich hierbei zwei mögliche Tendenzen: Entweder sie provinzialisieren sich im Sinne der Lokalität, also Straßennamen, Nachbarschaft, something like that, oder sie transnationalisieren sich radikal. Im Humboldt Forum ist aber die Fortsetzung des Nationalmuseums des 19. Jahrhunderts so stark, dass mir scheint, man kann irgendwie ein solches Projekt vor den unweigerlichen Kontinuitäten, die es mit sich bringt, gar nicht retten – und schon gar nicht mit einem kritischen Display als Symptombehandlung an der Oberfläche.

Regina Sarreiter: Die Besetzung der Intendanz des Humboldt Forums und der Position des Sammlungsdirektors9 kommt im Angesicht der Herausforderungen, die Du eben beschrieben hast, einem Erstarren gleich. Da werden zwei Personen berufen, die ganz klar für ein nationales, bewahrendes und rückwärtsgewandtes Projekt stehen und sich eher als Verwalter denn als Gestalter wahrnehmen. Da öffnet sich nun gar kein Raum mehr, der etwas verhandelbar machen könnte.

Brigitta Kuster: Vielleicht meine ich das noch grundsätzlicher im Sinne der Museumsgeschichte. Wenn man überlegt, was Museen sind und in welchen Museen heute interessante Dinge geschehen, dann scheinen mir dies Heimatmuseen zu sein, im Sinne ihres großen Partikularismus von responsible communities, die für das Sorge tragen, was dort passiert – oder aber die Museen, die es noch nicht gibt, die wir noch nicht kennen, kommende Museen.

Dierk Schmidt: Bei mir bleibt hier der Verdacht, dass mir viele der Versuche nicht ausreichen, nicht strukturell genug ansetzen würden. Wollen „wir“ denn wirklich Museen umbauen? Als eine unserer konzeptionellen Entscheidung in unserer Auseinandersetzung mit den Museen sah ich ein Arbeiten mit eher antagonistischen Gesten, die bestehende Strukturen spiegeln und eine allein utopische Aussicht zulassen. Bei unserer Sichtung von Spielfilmen mit/in/um Museen waren das Gesten wie der Diebstahl. Oder das autonome Handeln der artifiziellen Filmfigur der Mumie (oder des musealisierten Artefakts) im Verhältnis zu dem ihr aufgezwungeen neuen Ort, dem Museum, dem „Sicheinrichten“, dem „Zerstören“, dem „Verlassen“ des Museums – wir haben das „Selbstrestitution“ genannt.

Regina Sarreiter: Wir haben von Anfang an gesagt: Wir wollen das nicht, das interessiert uns nicht. Wir arbeiten dagegen, dass es überhaupt gar nicht erst passieren kann. Das war der Ausgangspunkt, das war die Idee des Anti-Humboldts, das alles erstmals aufzufächern und zu sagen: Das, das und das ist alles problematisch daran, und zwar auf allen Ebenen. Dann mit dem 2012 neu gegründeten Bündnis No Humboldt 21! in einem Moratorium10 einen Baustopp zu fordern, ein Innehalten. Die Bauarbeiten für das Schloss hatten angefangen. Unser erstes öffentliches Auftreten mit der Kampagne war die Veranstaltung zur Grundsteinlegung, in der sich das Projekt Humboldt Forum materialisierte.

Brigitta Kuster: Das stimmt, aber Dierks Frage war ja gerade, ob nicht unsere Verweigerung, an einem besseren Museum, einem Museum der Zukunft mitzudenken bzw. mitzuarbeiten, dennoch in einem Vereinnahmungs-Apparat aufgegangen ist.

Dierk Schmidt: Forciert gesagt, hatten wir für uns alle im Bündnis mit dem Moratorium des No Humboldt 21! auf eine Grundsatzkritik festgeschrieben, die generell jegliche Kooperation mit dem Humboldt Forum ausschloss. Du fragst nun, ob das grundsatzkritische Gegenüber schon der Vereinnahmung unterliegt? Warum, denkst Du, ist das so?

Brigitta Kuster: Ich denke nicht, dass man Vereinnahmungsapparaten überhaupt entgehen kann, das finde ich aber auch nicht schlimm. Es ist nur anstrengend, weil man immer in der Verlagerung und in der Bewegung denken muss und sich nicht auf eine einmal erarbeitete „gute Position“ festlegen kann. Alles, was wir jetzt sagen würden oder sagen, auch im Sinne dieses Moratoriums, ist doch eigentlich inzwischen zu einem kritischen Mitarbeiten geworden. Die Positionen sind bekannt, man rechnet miteinander. Ob wir es wollten oder nicht, ich denke, man muss als David gewissermaßen mit dem Überraschungseffekt arbeiten. Da scheint es mir heute besser, zu schweigen oder das Thema zu wechseln – also Exit.

Dierk Schmidt: Es gab dann die viel beachtete Kritik der ursprünglich am Beratungsgremium zum Humboldt Forum mitwirkenden Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy, die sie in dem Interview „Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl“ (27. Juli 2017) geäußert hat.11 Das Bild, in dem sie das Humboldt Forum mit Tschernobyl gleichsetzte, war unmissverständlich, denn ein großer Teil der Sammlung ist durch seine koloniale Provenienz kontaminiert. Sie forderte aber eigentlich kaum mehr als eine Selbstverständlichkeit ihrer wissenschaftlichen Disziplin ein. Die Forderung war – auch in Angesicht der vielen nie geöffneten Kisten im Depot – sich dem endlich zu stellen, es zu sichten, zu inventarisieren, die unbedingt notwendige Provenienzforschung zu leisten, die Bestände zu digitalisieren und die Sammlung öffentlich präsent zu machen. Dies geschah in der Absicht, sichtbar zumachen, was das international und öffentlich auslösen, was es an Prozessen in Bewegung setzen würde. Im Grunde war es die Forderung nach einem Moratorium gegen den heute noch üblichen musealen Alltag.

Regina Sarreiter: Die Kritik setzt bei den Fragen nach Provenienz-Forschung und Restitution an. Das sind Aufgaben, mit denen sich die Institution, und ich meine hier etwas allgemeiner die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), beschäftigen muss. Savoys Kritik ist aber nicht so grundsätzlich, denn sie fordert nicht: „Wir eröffnen das einfach nicht!“ Dafür ist es jetzt auch irgendwie zu spät. Das ist genau der Unterschied zu dem, was wir 2009 mit der Alexandertechnik-Veranstaltung „Der Anti-Humboldt“ und dann auch 2012 mit dem Moratorium gemacht haben. Ich meine, es ist genau das, was Brigitta gesagt hat. Du wirst angesprochen und kannst noch was dazu sagen, aber dann ist es letztendlich die Kritik, die du zufügst, die aber nicht als Einspruch gelesen wird, sondern eher als Aufgabenstellung.

Dierk Schmidt: Stimmt, eine Ambivalenz bleibt, Savoy tritt aus dem Beratungsgremium des Humboldt Forums zurück, übt Kritik wegen der mangelnden wissenschaftlichen Transparenz und setzt zugleich ihrer eigene Forderung in Forschungsprogramme um, – die dem Humboldt Forum extern, aber extrem nah dran sind. Ich versuche hier grade, unterschiedliche Modi der Kritik, eines Widerstandes mit den jeweiligen Konsequenzen zu denken. Welche Position wäre nicht zu vereinnahmen? Betraf das „Nein“ im Moratorium jegliche Form der Mitarbeit am Humboldt Forum, wäre das „Nein“ heute eines zur generellen Möglichkeit einer kritischen Aussage?
Die Frage der „Mitarbeit“ stellte sich früh. Ich erinnere mich an das Gespräch des Bündnisses mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, das 2014 stattfand. Ihr Präsident Hermann Parzinger formulierte gegenüber dem Bündnis, das Humboldt Forum sei erst dann komplett abgeschlossen, wenn wir alle zusammenarbeiteten, alles Teil des Humboldt Forums werde. Die ablehnende Antwort auf die einfache, von Mitgliedern von Afrotak TV cybernomads12 gestellte Frage nach einer Bezahlung machte die Unernsthaftigkeit dieses Angebots zur Mitarbeit offensichtlich.
Bei mir ist das Unbehagen gegenüber einer fortgeführten Kritik am Humboldt Forum ein unangenehmes Gefühl der Passivität. Weiter wie vorher Kritik zu üben, fühlt sich inzwischen zu harmlos an. Nicht weil die Nadel der Kritik nicht mehr spitz wäre, sondern weil das Humboldt Forum sich der Nadel gegenüber so weich und nachgiebig verhält. Mein Gefühl, eine eigene Arbeit zu verrichten, weicht dem Gefühl eines passiven Abarbeitens, nicht das Humboldt Forum wird reflektiert, sondern man selbst spiegelt sich. Diese Macht möchte ich dem Humboldt Forum nicht geben. Ein möglicher Ausweg bleibt, einige der das Humboldt Forum tangierenden Fragen abstrakter zu fassen, was zugleich eine Internationalisierung der Fragestellung wäre…

Brigitta Kuster: … um so ein bisschen wegzukommen von diesem deprimierenden Ergebnis jahrelanger Arbeit. Vielleicht gibt es trotzdem eine interessante Weise, in der sich die Debatte weiterentwickelt, nur nicht so national, denn gerade gibt es ja diese „Macron-Welle“.13 Da muss man mal sehen, ob von Frankreich aus in diesem europäischen Gefüge tatsächlich ein radikalerer Alleingang gestartet und auch umgesetzt wird. Werden dadurch tatsächlich seit dem 19. Jahrhundert gültige Museums-Paradigmen grundsätzlich verändert und auf eine Institutionsgeschichte umgelegt, so dass diese Institutionen in postkolonial produktiver – in useful past-Weise – ins Wanken geraten? Nun, vielleicht auch weil das Humboldt Forum auf einem parlamentarischen Beschluss beruht, ist seine Destabilisierung während der Planung kaum je möglich gewesen – und vielleicht wussten wir das in gewisser Weise immer schon. Man konnte sich relativ sicher fühlen in seiner Kritik, insofern sich abzeichnete, dass da nichts in Bewegung geraten würde. Mir scheint, das Problem stellt sich aber genau umgekehrt: Es hat sich nämlich etwas bewegt. Nur dass wir uns nicht als die Akteure erwiesen haben, die mit dieser Bewegung arbeiten könnten. Wenn wir jetzt eine NGO-artige Politik machen würden, dann könnten wir natürlich sehr wohl damit arbeiten, aber ich glaube, diese Sache mit der Kunst, die für uns wichtig ist als Schauplatz der Auseinandersetzung mit der Welt, verunmöglicht das. Kunst ist keine Akteurin in dem, was nun folgt, weil sie nichts mehr finden und erfinden kann, sondern eher umsetzen soll. Der ideale Moment der Berührung von Kunst und Politikmachen war und ist für mich immer dann, wenn das Erfinden von Dingen und Verhältnissen, die noch nicht da sind, stattfindet. Ich meine die Poesie, die sich dann auch im Sinne der Destabilisierung tradierter gesellschaftlicher Arbeitsteilungen und Wahrheiten Wege bahnt. Dieser Moment ist zeitlich und konzeptuell in der Auseinandersetzung um das Humboldt Forum aus meiner Sicht komplett vorbei.

Regina Sarreiter: Um noch mal auf Emmanuel Macron zurückzukommen: Seine Rede hielt er ja kurz nachdem hier öffentlich wurde, dass es innerhalb der Stiftung Preußischer Kulturbesitz 11/2 Stellen für Provenienz-Forschung geben soll. Und dann kommt Macron und macht einen Schritt, der das gewissermaßen verzehnfacht und die Frage des Umgangs mit ethnologischen Sammlungen zur Regierungssache erklärt. Im Kontext der Stiftung Preußischer Kulturbesitz wird die Frage nach Provenienzforschung und Restitution dagegen eher als institutionelle Angelegenheit verhandelt.

Brigitta Kuster: „Nicht-Restitution ist kein neutraler Akt“, ist ja eigentlich – in unserer Formulierung – der öffentliche Auftrag, der an Bénédicte Savoy und Felwine Sarr14 ergangen ist, ein Projekt zu entwerfen. Würden wir, wenn die jetzt mit Künstler*innen zusammenarbeiteten und wir von denen gefragt würden, in so einem Projekt eine Perspektive sehen können? Oder hat Kunst per definitionem unserer Ansicht nach gar nichts in solchen Fragestellungen verloren? Wenn wir also nicht fähig wären, an der Stelle mitzuarbeiten, institutionell aber irgendwie innerhalb, dagegen oder anders, also transformativ arbeiten, dann hätten wir total geloost, uns selbst nicht ernst genommen oder irgendetwas nicht kapiert.
Auf Berlin bezogen ist das aber ganz anders, das Feld ist geschlossen, hat sich ent-dynamisiert. Deshalb würde ich sagen, ist unser Ergebnis für 2018: fantasieren, woanders hinzugehen, im Sinne des Öffnens einer anderen Konstellation, eines anderen Kräftefelds etc. Interessant ist es natürlich, dabei etwa zu beobachten, wie ähnliche Akteurinnen, wie wir in Frankreich oder in Benin mit Macrons Initiative bzw. dem Projekt von Savoy und Sarr interagieren.
Denn der Provenienz-Ansatz, der ja letztlich stark einem Aufklärungsdenken verpflichtet ist und auch seine Anschlüsse in einem liberalen, europäischen Bürgertum sucht und findet, scheint mir jetzt nicht so unproblematisch – auch geopolitisch gesehen nicht, wenn wir wissen wollen, woher die Ziege kommt, die wir essen, und was sie gegessen hat, damit wir sicher sind, dass es gut ist für uns, während… Ich polemisiere natürlich. Aber dieser Diskurs verträgt sich eigentlich schlecht mit dem, was ich als „neue Heimatmuseen“ bezeichnen möchte, die ihre historische Lokalität transnational und global verflochten verstehen würden.

Regina Sarreiter: Ich denke auch, dass es in den lokalen Museen eine andere, vielleicht eine Auseinandersetzung mit ihrem jeweiligen Kontexten und Geschichten im Kleinen geben kann. Die Leute fangen an, sich mit der translokalen Geschichte dieser Orte zu beschäftigen. Die Zusammenarbeit mit Gruppen oder Initiativen, die sich schon länger mit diesen Geschichten beschäftigen, ist dabei unbedingt implizit. Und ich will jetzt gar nicht behaupten, dass das immer so reibungslos und integrativ abläuft. Keine Institution zu sein, die ein nationales Narrativ erarbeiten und repräsentieren soll, sondern eben auf einer regionaleren Ebene zu arbeiten, kann da sicherlich hilfreich sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass sie nicht überregional wahrgenommen werden. Ich finde da zum Beispiel das Museum Treptow mit seiner Ausstellung zur Kolonialausstellung 1886 ein gelungenes Beispiel, wie eine Zusammenarbeit mit Berliner Akteur*innen und Initiativen funktionieren kann.15

Brigitta Kuster: Darf ich jetzt was Ketzerisches fragen? Ist das, was uns an Kunst interessiert, nicht oft unglaublich stark an imperiale Kontexte gebunden? Ist Kunst nicht ganz oft ein majoritäres Phänomen?

Dierk Schmidt: … majoritär in Bezug auf was?

Brigitta Kuster: … insofern sie sehr nahe an Macht, Hegemonie und Kapital ist.

Dierk Schmidt: Ich habe die Ausstellung nicht gesehen, aber ich vermute, dass sich mir die „Kunst“-Frage dort nicht stellt. Ich bin mir auch nicht so sicher, ob ich der Begeisterung gegenüber dem Heimatmuseum so teilen kann, ob hier ein real sich umsetzendes Bewegungspotential erkennen kann. Lokale Museen fand ich meist dann interessant, wenn sie ganz aus einer Bewegung (oder als Kunstprojekt) selbstorganisiert wurden, und nicht in der Modifikation eine bestehenden Struktur dem lokalen Spiegel der Meinungsvielfalt verpflichtet sind.
Die Frage, die Du bezüglich der Kunst stellst, finde ich komplex, oft zweischneidig und daher nicht so einfach zu beantworten. Ich glaube, die Kunst, die wir bisher gemacht haben, war relativ weit weg von der Macht, im Grunde haben wir nach klaren und transparenten Verträgen gegenüber dem Ort, mit dem wir arbeiten, gefragt. Wir formulierten „Nein“, ein „Nein“ unsererseits wurde von der Majorität schlicht links liegen gelassen.
Wie Du führe ich ein zweites Kunst-Leben neben unserer Gruppen-Arbeit. Inhaltlich finden sich viele Überschneidungen, die sich etwa in Ausstellung und Katalog der Ausstellung hier in Madrid niederschlagen, zu nennen wären hier etwa die „Teilungs“-Arbeit oder die „Broken Windows“-Serien. Doch die Felder sind unterschiedlich. Im Kunstfeld schätze ich das radikal reflektive Moment im Gegenüber einer Arbeit, ein in diesem Moment existentiell auf sich selbst zurückgeworfen zu sein.

Regina Sarreiter: Es war auch gleich unsere Rolle innerhalb des Bündnisses. Es kam ja nicht von irgendwo, dass wir eben als diejenigen gesehen wurden, die noch so den künstlerischen Aspekt da reinbringen. U.a. zusammen mit AFROTAK TV cyberNomads, die auch immer andere Formen und eine andere Sprache der Auseinandersetzung und des Angriffs suchen. Es war auch unser Versuch, diese ganze Diskussion in ein Feld hineinzutragen, das uns nahe ist. Ich denke, so war es auch möglich, dass die Anti-Humboldt-Box an Orte wie das Haus der Kulturen der Welt in Berlin, die Villa Romana in Florenz und den Herbstsalon des Gorki-Theaters in Berlin eingeladen wurde.16

Dierk Schmidt: In unserer Gruppe hat sich bei mir selten die Frage nach der Rolle von Kunst gestellt, stattdessen inhaltliche, Fragen der Wissensaneignung, der Zusammenarbeit und der Distribution, der „Bewegung“. Die „Anti-Humboldt-Box“ war für mich ein Moment der Praxis, das die Frage der Kunst teilte, insoweit wir andere Kolleg*innen zur Partizipation einluden, die im Kunstfeld agieren. Hier geht es vielleicht nicht um Kunst, hier geht es um ein Feld, mit dem wir zu tun haben und in dem Kunst passiert und das wir als Künstler*innen als unsere Lebenspraxis haben. Und das Humboldt Forum wird dieses Feld massiv verändern“.

Brigitta Kuster: Ich denke, unsere Praxen haben – Kunst-soziologisch gesprochen – auf dem Feld der Kunst zu intervenieren versucht.

Lars Bang Larsen: Where is the Anti-Humboldt practice moving now?

Brigitta Kuster: I think we went underground. We are hiding.

Regina Sarreiter: Wir sind im Winterschlaf.

Brigitta Kuster: It’s been rabbits and serpents. Something like that. We don’t know. It’s like… Ich habe darauf gerade keine Antwort. Also, wir beobachten die Vorgänge von unten.

Lars Bang Larsen: Let‘s go on with the mummies. Let´s see where that takes us. Im Laufe der Arbeit sind euch die fiktionale Figur der Mumie – im Film und im konkreten Fall der „human remains“ – begegnet. Am ersten Fall habt ihr den Begriff der „Selbstrestitution“ erarbeitet. Wie seid ihr auf diesen Begriff gekommen und wie steht er im Kontext der komplexen Frage der Restitution vom Objekt der ethnologischen Sammlung, Subjekt der „human remains“?

Brigitta Kuster: Wir bemerkten, dass es ein filmisches Motiv im Sinne einer filmischen Artikulationsweise gibt, die etwas damit zu tun hat. Das war dann die Mumie, die zwischen Körper, verkörperter Subjektivität und Objekt, Ding, choséfication und damit auch „race“ oszilliert. Die Mumiengeschichten hatten immer mit einer Art umgedrehter Transzendenz zu tun, ausgehend von der Ausstattung und Inszenierung der Grabkammern mit dem Ziel, dass jemand die Reise ins Jenseits schafft, wo er oder sie dann weiterlebt. Aber im Sinne der Museumsgeschichte findet hier eine Verschließung statt. Das Museum als Grabkammer einerseits, aber auch die Öffnung der buchstäblichen Grabkammer andererseits, die ein Sakrileg darstellt, das förmlich zur Bedingung der Museumsgeschichte wird und in den filmischen Repräsentationen mit einer Aktivierung jener auf Schlaf, Tod und Verschlossenheit gestellten Objekte einher geht.17

Dierk Schmidt: Der „Fluch“ der Mumie traf diejenigen, die die Grabkammer öffneten. Die durch Gewalt aus ihrem Kontext entfernte Mumie begehrte auf, sie wurde aktiv, zur handelnden Figur, im Wissen beider Welten, nämlich der Alten und des Jetzt, für Ägypten und Europa. Sie agierte im, mit dem oder gegen das Museum. Hieraus haben wir die Figur der „Selbstrestitution“ abgeleitet, ein Objekt der Wissenschaft transferiert zum Subjekt, in manchen Plots ferngesteuert, in anderen selbstbestimmt agierend.

Brigitta Kuster: Hinzu kommt, dass er, also „der“ Mumie, ein Medium hat. Sein Medium ist immer eine Frau … und zwar keine weiße, sondern eine rassisierte Frau. Das scheint mir ganz entscheidend, auch für die Zeit, in der die Filme spielen und für das, was uns daran als Fähigkeit zur Selbstreferenzialität in der Selbstrestitution der Mumie interessiert hat. Das Agens ist nie „self and other“, sondern diese seltsame Mediationsfigur, die nicht von ungefähr zudem eine mediale Figur ist und eben eine Figur der Differenz im Bezug auf „Rasse“ und Geschlecht. Sie ist es, die im Verhältnis zum Museum handelt und „ihm“ ermöglicht das zu tun, was „er“ als Mumie tut.

Lars Bang Larsen: Yeah, „human remains“ wie die Mumie haben einen Prozess der wissenschaftlichen Objektivierung, des Zum-Objekt-werdens. Im Berliner Kontext wurde mit der Freiwerdung beziehungsweise Sichtbarwerdung der Schädelsammlung der Charité eine Verunsicherung eingeleitet, die das Objekt und ihre Aneignung, vielleicht auch die Institution des Humboldt Forums betrifft. Was ist da passiert? Wie habt ihr den Begriff der „Aktivierung“ hier angewendet?

Dierk Schmidt: Das berührt eine Debatte, die mich über Jahre beschäftigt hat: Der Genozid an der Herero- und Nama-Gesellschaften, den das Deutsche Reich zu Beginn des 20. Jahrhunderts im damaligen Deutsch- Südwestafrika (dem heutigen Namibia) verübte. Neben dem Holocaust und dem Völkermord an den Armeniern galt dieses Geschehen den Verfassern der Genozid-Konvention von 1948 als Blaupause. In den 2000ern begann ein zähe und konfliktreiche Debatte sowohl in Namibia als auch in Deutschland, ob dieses Geschehen als Genozid zu bewerten sei. Bis heute dauert dieser Konflikt an, derzeit verhält sich die Bundesregierung in der Bewertung indifferent.
In diesem Konflikt wurden die von dir genannten „human remains“ präsent. In der Berliner Charité hat 2011 eine Rückgabe von zwanzig Schädeln nach Namibia stattgefunden, die seit ihrer gewaltsamen Aneignung 1907 in verschiedenen Berliner Institutionen gelagert hatten. Das damals eingerichtete Charité Human Remains Project konnte die Bevölkerungsgruppen der Herero und Nama, deren Angehörige hier zu Objekten rassistisch motivierter Forschungen geworden waren, durch historische und anthropologische Recherche, u.a. in den erhaltenen Akten, ermitteln. Berlin blieb im Moment der Übergabe einen staatsoffiziellen bilateralen Akt bislang ebenso schuldig wie eine offizielle Entschuldigung der Bundesrepublik. Ein Umstand, der in der räumlichen Situation mit den „heads of contention“ im Zentrum ad hoc zu einem Eklat führte, zum fluchtartigen Verschwinden der als Gast in die Charité eingeladenen damaligen Staatssekretärin Cornelia Pieper. Kurz zuvor hatte ein großer Teil des Publikums und der anwesenden NGOs verbal und mit A4-Flugblättern „Apology Now“ gefordert.
Zwei der zwanzig Schädel waren während des Handover sichtbar in dafür eigens hergestellten Vitrinen präsentiert. Die zwei auf das Publikum ausgerichteten Schädel schienen zu Zeugen der an ihnen begangenen Verbrechen zu werden, sie kommunizierten das. Der sichtbare Akt der Gewalt dieser „Objektivierung“ eines Leichnams stand im Raum. Als Schädelpräparat, mit Inventarnummer und Sammlungsnamen gekennzeichnet, erschienen sie als Beweisstücke für den Genozid. Es erinnerte mich an die „Aktivierung“, die wir aus den Mumie-Filmplots kannten. Ich habe versucht, da eine operative Form/Methode für uns zu erkennen, die darin bestünde, vom Auslösen einer Beunruhigung her zu denken – oder diese zumindest in einer Versuchsanordnung zu erproben.
Die weiteren Sammlungen der „human remains“ gingen an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wo sie nun tatsächlich und bildlich gesprochen im „Fundament“ des Humboldt Forum liegen. Dieser Fakt wirkte auch in die Restitutions-Debatte. Was die Schädel betrifft, traf der Akt der Rückgabe – im Gegensatz zu anderen Objekten musealer Sammlung – auf einen gesellschaftlichen Konsens. Das zeigt die damalige Pressereaktion. Für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz als heutige Besitzerin dieser prekären Sammlungen resultierte daraus die Gefahr, dass die öffentliche Bewertung der Restitution von hier auf andere Artefakte prekärer Provenienz überspringen könnte, die keine „human remains“ waren.

Brigitta Kuster: Unser Begriff der Aktivierung und das, was wir damit verbunden an künstlerischen, forschenden und diskursiven Praxen gesucht haben , zielte exakt auf den Moment der Potentialität, der Öffnung, der Konfusion, vielleicht auch des Verschwindens, des Entwendens und der Selbstrestitution, auf subversive Akte, widerständige Handlungen also gegenüber der Un/Möglichkeit ethischer und politischer Objekt-Restabilisierungen.18 Eigentlich hat man sich doch hier dieser Schädel entledigt. Aktivierung ist dem gegenüber nichts anderes als eine Art Strategie der Verlängerung des Unheimlichen, – von ziemlich vielen Seiten aus gesehen. Und uncanny heißt immer auch unversöhnlich oder unversöhnt. Interessant scheint mir, wie sehr ein solches Verhältnis zur nicht vergangenen Vergangenheit (un passé qui ne passe pas), das Black Cultures wohl schon immer prägte, zur Zeit im globalen Pop-Maintream ankommt, etwa wenn Janelle Monàe in ihrem neuesten Emotion Picture die Identifikation mit „dirty computers“ nahelegt, die trotz aller reboots und Datenlöschungen Erinnerungsspuren aufweisen. Und nicht zufällig finden hierbei die versuchten Datenlöschungsvorgänge in einem Setting statt, das deutliche ästhetische Allusionen an altägyptische Mumifizierungen aufweist.

1This text was first published in Dierk Schmidt. Guilt and Debts, published on the occasion of the exhibition Dierk Schmidt. Guilt and Debts, organized by MNCARS from October 9th, 2018 to March 10th, 2019.
2A good overview of the chronology from the parliamentary decision through the planning phase of the Humboldt Forum can be found in Friedrich von Bose, “The Making of Berlin’s Humboldt Forum: Negotiating History and the Cultural Politics of Place,” darkmatter, November 18, 2013, http://www.darkmatter101.org/site/2013/11/18/the-making-of-berlin’s-humboldt-forum-negotiating-history-and-the-cultural-politics-of-place/ (accessed June 16, 2018); and Federal Ministry of Transport, Building, and Housing and Senate Administration for Urban Development, eds., International Commission of Experts Historical Centre Berlin: Final Report (Berlin, 2002).
3Alexandertechnik was a group of artists, activists, and scientists. The event took place on 11 July 11, 2009, in the Sophiensäle in Berlin. See: “Der Anti-Humboldt: Eine Veranstaltung Zum Selektiven Rückbau des Humboldt-Forums,” https://www.sophiensaele.com/archiv.php?IDstueck=668 (accessed June 16, 2018); and “Eine Veranstaltung zum selektiven Rückbau des Humboldt-Forums,” http://johannespaulraether.net/antihumboldt/humboldtforum/ (last accessed on June 16, 2018).
4The late Renaissance and baroque cabinets of curiosities or art chambers (Wunderkammer) emerged from the earlier cabinets of rarities or curiosities and are characteristic of a collection concept from the early phase of museum history, which presented objects of different origins and destinies together. See also Horst Bredekamp, Antikensehnsucht und Maschinenglauben: Die Geschichte der Kunstkammer und die Zukunft der Kunstgeschichte (Berlin: Wagenbach, 1993). The author was one of the founding directors of the Humboldt Forum from 2015 and to 2018.
5See Brigitta Kuster, Regina Sarreiter, and Dierk Schmidt“Fait Accompli? In Search of Actions for Postcolonial Injunctions,” introduction to “Afterlives,” ed. Artefakte//anti-humboldt, special issue, darkmatter, November 18, 2013, http://www.darkmatter101.org/site/2013/11/18/fait-accompli-in-search-of-actions-for-postcolonial-injunctions-an-introduction/ (last accessed on June 11, 2018).
6See “Teil II, Schwenk: Einkreisung des Humboldt-Forums als Leerstelle—ein Abriss der Geschichte in 15 Stationen“, in “Der Anti-Humboldt. Eine Veranstaltung zum selektiven Rückbau des Humboldt-Forums,” 12 July 2009, Sophiensaele, Berlin. http://johannespaulraether.net/antihumboldt/humboldtforum/anti_humboldt_12_07_09.pdf (last accessed August 23, 2018)
7See Femi Awoniyi, “Berlin Streets to Be Named after African Heroes,” African Courier, April 16, 2018, http://www.theafricancourier.de/europe/berlin-streets-to-be-renamed-after-african-heroes/ (accessed June 16, 2018).
8See No Humboldt 21!, http://www.no-humboldt21.de (accessed June 16, 2018); and “Alliance,” Genocide-Namibia.net, http://genocide-namibia.net/alliance/ (accessed June 16, 2018).
9In March 2018, Hartmut Dorgerloh, director of the Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, was appointed director of the Humboldt Forum, and Lars-Christian Koch, director of the Phonogrammarchiv and acting director of the Ethnologisches Museum of Berlin, was appointed director of collections of the Humboldt Forum. See: “Hartmut Dorgerloh Nominated to Lead Berlin’s Humboldt Forum, Lars-Christian Koch Named Director of Collections,” Artforum, March 22, 2018, https://www.artforum.com/news/hartmut-dorgerloh-nominated-to-lead-berlin-s-humboldt-forum-lars-christian-koch-named-director-of-collections-74743 (accessed June 16, 2018).
10See No Humboldt 21!, “Stop the Planned Construction of the Humboldt Forum in the Berlin Palace,” June 3, 2013, http://www.no-humboldt21.de/resolution/english/ and, in Spanish, http://www.no-humboldt21.de/espanol/ (accessed June 16, 2018).
11See Jörg Häntzschel, “Bénédicte Savoy über das Humboldt-Forum: ‘Das Humboldt-Forum ist wie Tschernobyl,’” Süddeutsche Zeitung, July 20, 2017, http://www.sueddeutsche.de/kultur/benedicte-savoy-ueber-das-humboldt-forum-das-humboldt-forum-ist-wie-tschernobyl-1.3596423?reduced=true (accessed June 16, 2018); and Gero Schliess, “Is Berlin’s Humboldt Forum Shying Away from Colonial History?” Deutsche Welle, August 14, 2017, http://www.dw.com/en/is-berlins-humboldt-forum-shying-away-from-colonial-history/a-40082234 (accessed June 16, 2018).
12See AFROTAK TV cyberNomads, https://afrotak.com (accessed June 16, 2018).
13On 28 November 28, 2018, during a state visit to Burkina Faso, the French president addressed students at the University of Ouagadougou, launching a new debate on restitution with the sentence, “I cannot accept that a large part of cultural heritage from several African countries is in France.” For more, see Annalisa Quinn, “After a Promise to Return African Artifacts, France Moves toward a Plan Image,” New York Times, March 6, 2018, https://www.nytimes.com/2018/03/06/arts/design/france-restitution-african-artifacts.html (accessed June 11, 2018).
14See Katy Lee and Marie Wolfrom, “France Weighs How to Return Africa’s Plundered Art,” Modern Ghana, May 27, 2018, https://www.modernghana.com/news/856799/france-weighs-how-to-return-africas-plundered-art.html (accessed June 16, 2018).
15“‘Zurückgeschaut’”—Erste Deutsche Kolonialausstellung 1896 | Treptower Park: Ein Projekt des Museums Treptow-Köpenick in Kooperation mit der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland und Berlin Postkolonial,” http://zurueckgeschaut.de/ (accessed June 16, 2018).
16“Die Anti-Humboldt Box,” 3. Berliner Herbstsalon, 16; “The Anti-Humboldt Box: Exhibition in a Suitcase (Campaign Suitcase),” Haus der Kulturen der Welt, https://www.hkw.de/en/programm/projekte/veranstaltung/p_97267.php (accessed August 13, 2018); and “Symposium: UNMAPPING the RENAISSANCE,” Villa Romana, http://www.villaromana.org/front_content.php?idart=724 (accessed August 13, 2018).
17See, for instance, “Art & Jack-in-the-Box: An Activation in the Framework of the Project Artificial Facts / Künstliche Tatsachen,” Artificial Facts, June 20, 2015, http://artificialfacts.de/activations/69/.
18See the transnational research and exhibition project we initiated in this context: “Artificial Facts,” http://artificialfacts.de/about/.